Liturgie - Der Zweite Blick
Noch einmal feiern wir heute Weihnachten, die Geburt Jesu, die Menschwerdung Gottes, die Fleischwerdung des Wortes. Was das bedeutet? Dass in unserer oft so dunklen Welt ein helles Licht erstrahlt, und dass alle Dunkelheit und alle Finsternis gegen dieses Licht nicht ankommen. Es leuchtet, es macht das Leben hell, es zeigt an, wohin das Leben geht. „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Nur dieses kleine Wort „uns“ enthält schon eine ganze Botschaft. Es sagt, dass das Mensch gewordene Wort in derselben Welt lebte, in der auch wir leben – einer Welt, die oft alles andere als idyllisch und romantisch ist. Dass es in einer Welt Licht ist, die so oft von Dunkelheit beherrscht scheint.
Bibelwort: Johannes 1,1-18 (Evangelium vom 2. Sonntag nach Weihnachten)
AUSGELEGT!
Im Anfang war das Wort.
Das wüsste man gerne, nicht wahr? Wie das wohl war „im Anfang“. Als Gott noch mit sich allein war, sozusagen, als noch nichts geschaffen war – also in der Ewigkeit vor unserer Zeit. Wie war das damals? Martin Luther hat auf diese Frage einmal geantwortet und etwa gesagt: Da hat er Stöckchen geschnitzt für Leute, die so dumm fragen. Aber so dumm ist die Frage doch gar nicht. Wie war das damals, als nur Gott war und das Wort?
Leider reicht unsere Fantasie dafür nicht aus. Vielleicht wurde es Gott wirklich langweilig nur mit sich und dem Wort. Zu wem sollte er das Wort sagen? Und er suchte sich ein Gegenüber: seine Schöpfung, seine Geschöpfe, seine Menschen. Die Macht dazu hatte er ja. Sein Wort kann ins Leben rufen, was immer es will. Alles ist durch das Wort geworden. Gott wollte mal sehen, wie das ist mit einem Gegenüber aus seinem Willen. Das könnte ja so gewesen sein. Und als er dann, eines Tages, durch seinen Sohn in sein Eigentum kam, nahmen die Seinen ihn nicht auf. Das Gottesdrama, oder genauer: Das Menschendrama. Hoffentlich nicht unser Drama. Wir nehmen ihn auf, nicht wahr? Wir lassen Gott heute wieder einziehen in unser Herz. Wir achten auf seine Herrlichkeit, auch wenn sie klein ist. Gott ist meist keine Überwältigung, aber er ist das, was uns das Herz aufgehen lässt. Der, der uns trägt und behütet.
Michael Becker
Quelle: Bergmoser + Höller Verlag AG
Grafik: Andrea Naumann
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