Katholische Pfarrgemeinde  Dom zum Heiligen Kreuz

Nordhausen

Liturgie - Der Zweite Blick

 


Die Evangelien erzählen immer wieder von der Desorientierung der Menschen oder wie es heißt: sie sind wie verirrte Schafe ohne Hirten. Eine zeitlose Beschreibung. Ich glaube, dass es selten eine Zeit gegeben hat wie die unsrige, in der so viele Menschen Orientierung und Halt verloren haben. Noch nie konnten Menschen so viel wissen wie heute, und selten haben sich ihnen so viele Möglichkeiten aufgetan wie heute, doch allzu oft fehlt die Einordnung und der Halt. Haltlose Menschen schlagen oft um sich – zumindest verbal. Um ihre Angst und ihre Ratlosigkeit zu überschreien, dabei ist – wie im Evangelium – der unter ihnen, bei dem sie Halt und Orientierung finden können.

Bibelwort: Markus 4,35-41 (Evangelium vom 12. Sonntag im Jahreskreis)

AUSGELEGT!

Wenn man Geschichten lieb haben kann, dann sollte man diese lieb haben. Sie ist voller kleiner, alltäglicher Wunder. Zum Beispiel der schlafende Jesus. Unbeeindruckt von Wind und Wetter, vermutlich vom Lehren erschöpft, schläft er im Boot – zum Entsetzen der Jünger. Die fühlen sich, wen wundert’s, alleine gelassen und dem Sturm, also dem Leben, ausgeliefert. Und das, obwohl ihr Herr bei ihnen ist. Dann das Wunder der Sturmstillung, das zu verstehen unser Verstand nicht ausreicht. Schließlich der liebevolle und auch warnende Hinweis, nicht zu viel Angst zu haben, weil es doch den Glauben gibt. Ein Trost, der bei den Jüngern auch wieder Entsetzen hervorruft.

So ist das Leben, genau so. Es ist beängstigend in seiner Hin- und Hergerissenheit zwischen Vertrauen und Angst. Es sind diese Tage, die wegen ihrer Schönheit am besten nie zu Ende gehen sollten; und es hat diese Nächte, in der wir ungetröstet und schlaflos sind. Aber über allem schwebt, könnte man sagen, der liebevolle Hinweis, dass wir vertrauen dürfen, sogar im Sturm; dass wir geliebt sind auch dann, wenn wir es gerade nicht empfinden, warum auch immer. Um im Bild der Erzählung zu bleiben: Jesus ist in jedem Boot, das mit uns zu kentern droht. Und flüstert uns immer neu zu: Habt nicht zu viel Angst; ihr dürft mir vertrauen.

Michael Becker

Quelle: Bergmoser + Höller Verlag AG
Grafik: Thomas Plaßmann
Bild im Header: © Herrad von Landsberg / cc0 – gemeinfrei / Quelle: commons.wikimedia.org



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