Liturgie - Der Zweite Blick
Dieses Evangelium geht uns unter die Haut. Wir Menschen fürchten nichts mehr, als scheinbar ungerecht behandelt zu werden. Das soll das Himmelreich sein, dass alle gleich viel bekommen? Auch jene, die nur wenig geleistet haben? Das kann Jesus einfach nicht von uns fordern. Ich kann es mir nur so erklären, dass gar nicht weniger als ein Denar als Lohn möglich ist. Es gibt kein halbes Himmelreich für jene, die später dort eintreten. Oder gar nur 10 Prozent davon für die Letzten. Und auch wenn wir 8 Stunden länger dafür arbeiten, ist es immer noch ein Geschenk und nicht unser Verdienst. Die himmlische Mathematik ist anders. Da gibt es nicht 1 + 1 = 2. Und das ist gut so. Denn trotz aller Bemühungen könnten wir uns die Liebe Gottes nicht erkaufen.
Ich wünsche mir und uns allen die innere Kraft, dem anderen Gutes zu gönnen und das Erstaunen darüber, wie unerwartet Gott gewöhnliche Menschen mit Glanz und Anerkennung überschüttet. Unsere Augen müssen ausgewaschen werden. Der Blick sollte klar werden und ohne Ressentiment, denn der stechend enge Blick sieht nichts vom Geheimnis Gottes. Manchmal komme ich mir vor wie ein Arbeiter der ersten und der letzten Stunde zugleich, ein Wanderer zwischen den Welten, der neidische Blick ist mir nicht fremd, aber auch nicht der sich mitfreuende Blick, der gönnen kann.
Bibelwort: Matthäus 20,1-16 (Evangelium vom 25. Sonntag im Jahreskreis)
AUSGELEGT!
Das ist keine Geschichte, sondern ein Gleichnis. Eine Geschichte erzählt etwas, ein Gleichnis vergleicht etwas. Vordergründig, als erzählte Geschichte, wäre das ganze hier eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit. Wie kann jemand, der nur eine Stunde gearbeitet hat, so viel verdienen wie jemand, der zwölf Stunden gearbeitet hat? Das wäre selbst im Reich Gottes undenkbar. Zum Glück ist es aber keine Geschichte, sondern ein Vergleich. Jesus erzählt vom Himmelreich. Durchaus auch vom Himmelreich auf Erden.
Jesus will uns eindringlich sagen: Vergleicht euch nicht. Mit nichts und niemandem. Baut euch nicht vor Gott auf und sagt: Aber der andere, die andere hat viel mehr als ich, oder viel Besseres als ich. Denkt nicht in schöner, klüger, reicher. Vergleicht euch nicht mit anderen, denn jeder Vergleich macht euch unzufrieden und unglücklich. Vergleiche von Mensch zu Mensch hat der Teufel erfunden, um sich zu ergötzen an unserem Leid. Vor Gott gilt kein Vergleich. Vor Gott gilt SEINE Güte. Die ist bei jedem Menschen anders. Aber sie ist niemals mehr oder weniger als bei anderen. Das gilt es zu verstehen, wenn vom Himmel die Rede ist oder vom Reich Gottes. Dort gilt nicht, was ich meine; dort gilt, was Gott meint. Seine Güte für jedes Menschenkind reicht, soweit der Himmel ist.
Michael Becker
Quelle: Bergmoser + Höller Verlag AG
Grafik: John Blankers
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